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Gesellschaftswissenschaften

Warum Kinder wieder die Sprache der Römer lernen

In Deutschland pauken 800 000 Schülerinnen und Schüler Latein – doch damit kann man in Italien nicht einmal Pizza bestellen.

Latein – oder lieber doch eine moderne Fremdsprache? Diese Frage stellen sich jedes  Jahr Schülerinnen und Schüler und Eltern beim Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium oder ein Jahr später bei der Wahl der zweiten Fremdsprache. Fest steht: Die einstige Weltsprache Latein ist auf dem Vormarsch. In den vergangenen Jahren ist bundesweit der Anteil der Jungen und Mädchen gestiegen, die die Sprache Cäsars und Ciceros als erste oder zweite Fremdsprache wählen. Schleswig-Holstein liegt mit 12,9 Prozent der Schüler, die Latein lernen, sogar unangefochten an der Spitze. Im Bundesschnitt sind es 9,2 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern nur 4,2 Prozent. Rumgesprochen hat sich auch unter Studenten, dass die Einstellungschancen für junge Lateinlehrer überproportional gut sind. So gibt es im laufenden Wintersemester in Kiel 436 Studiosi im Hauptfach Latein, vor zehn Jahren waren es nur 160. Bei der Wahl der ersten Fremdsprache (Klasse fünf) sind die „Lateiner“ eine kleine Minderheit. Altsprachliche Gymnasien gibt es im Norden ohnehin nur fünf: in Kiel, Lübeck, Schleswig, Flensburg und Husum. Bei der Wahl der zweiten Fremdsprache liegt Latein dann zwar hinter Französisch und vor Spanisch. Dass sich so viele Kinder mit ihren Eltern für diese „tote“ Sprache entscheiden, mit der man nicht einmal in Italien eine Pizza bestellen kann, hat einen guten Grund: In Aussprache und Rechtschreibung ist Latein leichter als die modernen Fremdsprachen. Man schreibt wie man spricht. Besonders für eher stille Schülerinnen und Schüler stellt Latein eine gute Alternative dar. Während es im Französisch- oder Spanischunterricht von Beginn an stark um die Kommunikation gehe, steht im Lateinischen die Übersetzung im Vordergrund. Dadurch lernt man auch die deutsche Sprache bewusst und präzise anzuwenden und schult das Ausdrucksvermögen. „Die intensive Beschäftigung mit grammatikalischen Strukturen hilft zudem, den Aufbau unserer Sprache zu erkennen und erleichtert das Erlernen anderer Fremdsprachen“, erklärt Georg Reußner, Schulleiter der Domschule in Schleswig. Für Eltern, die bei der Sprachwahl unsicher sind, gibt er einige Tipps: „Wenn ein Kind überdurchschnittlich Spaß am Tüfteln hat und dabei auch erfolgreich ist, dann ist Latein eine gute Wahl“. Auch wer mit Ausdauer und Konzentration Probleme analysiere und nach Lösungen suche, habe sicherlich Freude am Latein lernen. Aber auch die Vorliebe für Schach, Interesse an mathematischer Logik, Sinn für Ordnungen und Systeme (Sammlungen) und Fleiß gelten als hilfreiche Eigenschaften für das Fach Latein. Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder für das Fach begeistern wollen, machen mit ihnen römische Modenschauen, bauen Tempel nach oder proben antike Theaterstücke. Genau das ist nach Ansicht von Thorsten Burkard die Stärke des Faches. Mit Latein lerne man eine Sprache nicht zum schlichten Zweck der Kommunikation kennen, sondern bekomme Einblick in die Kultur, meint der Professor für Lateinische Philologie an der Kieler Uni. „Das Lateinische, auch wenn es ‚nur‘ eine Sprache ist, eröffnet den Zugang zu einer kulturellen Sphäre, die von der Antike bis heute lebendig bleibt“. Latein ist zwar eine alte Sprache – mitunter kommt sie aber modern daher: Als Asterix-Lektüre, als Zauberspruch von Harry Potter oder als Popsong, wie es jüngst Schülerinnen und Schüler aus Rendsburg mit ihrem neuen Album zeigten.

(Margret Kiosz, Flensburger Tageblatt vom 28. Januar 2013)

Wer unsicher ist, ob er sich für Latein entscheiden soll, bekommt zusätzliche Informationen unter:

www.altphilologenverband.de

Grundsätzliches erfahren Sie hier:

Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie. (Albert Einstein) 

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